Ökonomische Ideen mit Geschichte 


Die ökonomische Wissenschaft wird heute allzu oft im luftleeren Raum betrieben – ohne Verzahnung mit der Philosophie, der sie ursprünglich entstammt; ohne erkenntnistheoretische Hinterfragung der Methoden; ohne die ganzheitliche Sicht eines systemischen Denkens in Ordnungen; ohne solides normatives Rüstzeug, in einer dem Gebot der Werturteilsfreiheit geschuldeten positiven Verkürzung; weitgehend abgetrennt von Geschichte, Politik, Soziologie, Psychologie und Ethik.     

 

Diese Engführung ist gleichsam ein Kollateralschaden des unbestreitbaren wissenschaftlichen Fortschritts und der einhergehenden Ausdifferenzierung. Ein Antidot ist ist die Beschäftigung mit der ökonomischen Ideengeschichte („Geschichte des ökonomischen Denkens“, „Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen“, „Dogmengeschichte“). 

 

Sich auf dieses Fach einzulassen, bedeutet keineswegs, sich nur mit den widerlegten und insofern nutzlosen Theorien längst verblichener und zu Recht vergessener Wissenschaftler herumquälen zu müssen. So linear gestaltet sich der Fortschritt nicht. Ideengeschichte läuft auch nicht auf Heldenverehrung hinaus. Im Gegenteil: die kritische Lektüre der Klassiker hält immer wieder Überraschungen bereit und gibt gerade durch die ungewohnte Perspektive neue Anstöße.  

 

Ideengeschichte hilft bei der Selbstverortung: Wer weiß, woher er kommt, erkennt noch am ehesten, wo er steht und wohin er geht. Ideengeschichte macht kommunikationsfähig, denn es geht auch darum, sich gegenüber anderen Ansätzen zu erklären. Und vor allem zwingt die Ideengeschichte auf höchst heilsame Weise zu einer Integration der Disziplinen und zu einer Befassung mit Fragen der Methodologie.

 

James M. Buchanan (1919-2013)

Karen Horn lehrt seit dem Frühjahr 2012 ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Weitere Lehraufträge an den Universitäten Witten/Herdecke (UWH), Siegen (US) und Erfurt (UE) sind hinzugekommen, auf Bachelor- und Master-Niveau. Karen Horn bietet sowohl Vorlesungen als auch vertiefende Seminare an. Ihre Spezialität auf dem Gebiet der ökonomischen Ideengeschichte sind die Theorien von Adam Smith, Friedrich August von Hayek, Walter Eucken und James M. Buchanan. Außerdem unterrichtet sie auch das Berufsfeldfach Wirtschaftsjournalismus.

 

Neben der Ideengeschichte befasst sich Karen Horn mit den folgenden Themen:

 

  • Ökonomische Methodenlehre
  • Ordnungstheorie und Ordnungspolitik
  • Geschichte der sozialen Marktwirtschaft
  • Herkunft und Zukunft des Liberalismus
  • Wirtschaftsethik als Ordnungsethik
  • Zivilisationsgeschichte und Moral des Kapitalismus

 

 

Vorlesung zur Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen – Ausgewählte Meilensteine der ökonomischen Erkenntnis   

 

Sommersemester 2013 (HU)

 

Wo kommen wir als Ökonomen eigentlich her? Auf wessen Schultern stehen wir? Aus welchen kontroversen Debatten ist die heute geläufige Methodik hervorgegangen? Welche Philosophie steckt hinter der Ökonomie? Welche jahrhundertealten Argumente verdienen es, dass man sie sich wieder einmal bewusst macht und näher betrachtet? Welche Irrtümer verfolgen uns noch immer und warum?  

 

Walter Eucken (1891-1950)

Diese Vorlesung soll dazu anregen, wieder die großen Fragen der Menschheit zustellen und sich den reichen Fundus der klassischen Werke der philosophisch verwurzelten Ökonomie von der Antike bis zur Neuzeit - von Aristoteles bis Walter Eucken und darüber hinaus - als Inspirationsquelle zu erschließen. Der hier vermittelte gedrängte Überblick soll Appetit machen auf eine vertiefende eigene Lektüre. 

 

 

Folgende Themen werden unter Rückgriff auf Beiträge zahlreicher Klassiker behandelt:

 

  • Gegenstand, Herkunft und Fortschritt der ökonomischen Wissenschaft
  • Warum Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen?
  • Was erwarten wir vom Preis einer Ware oder Dienstleistung?
  • Wonach bestimmt sich der Wert einer Ware oder Dienstleistung?
  • Wie kommt es zur Arbeitsteilung?
  • Welche Aufgabe erfüllt der Wettbewerb?
  • Gibt es eine Harmonie zwischen Privatinteresse und Gemeinwohl?
  • Was bedeutet und gibt es eigentlich Gleichgewicht?
  • Was ist die Aufgabe der Politik?
  • Wo genau liegen die Schwächen der Planwirtschaft?

 


 

Seminar zur ökonomischen Ideengeschichte – Ausgewählte Meilensteine der ökonomischen Erkenntnis   

 

Wintersemester 2017/18 (US)

Sommersemester 2016 (US)

Wintersemester 2012/13 (HU) 

Sommersemester 2012 (HU) 

 

Aristoteles (384 v.Chr.-322 v.Chr.)

Dies ist das vertiefende Seminar zur gleichnamigen Vorlesung. Hier geht es vor allem darum, sich die Texte der Klassiker, von Aristoteles bis Hayek, in eigener Arbeit zu erschließen, ihre Kernaussagen präzise zu erfassen, sie einzuordnen in den ideengeschichtlichen und den allgemeinen historischen Kontext - und schließlich kritisch zu untersuchen, was an ihnen neu, bahnbrechend und möglicherweise wegweisend war und was bis heute davon Bestand hat.  


Folgende Themen werden behandelt:

 

  • Was erwarten wir vom Preis einer Ware oder Dienstleistung?
  • Wonach bestimmt sich der Wert einer Ware oder Dienstleistung?
  • Wie kommt es zur Arbeitsteilung?
  • Welche Aufgabe erfüllt der Wettbewerb?
  • Gibt es eine Harmonie zwischen Privatinteresse und Gemeinwohl?
  • Was bedeutet und gibt es eigentlich Gleichgewicht?
  • Was ist die Aufgabe der Politik?
 


Seminar "Wirtschaftsgeschichte und Geschichte des ökonomischen Denkens unter besonderer Betonung des Staates"


Wintersemester 2017/18 (UE)

Wintersemester 2016/17 (UE)


Berühmte Ökonomen-Kontroversen wie z.B. Hayek vs. Keynes oder Krugman vs. Sowell erklären sich vor dem Hintergrund der jeweiligen Staatsverständnisse (mehr Staat vs. weniger Staat, produktiver Staat vs. protektiver Staat usw.), die auf sehr lange Denktraditionen in der politischen Philosophie, insbesondere der Rechtsphilosophie zurückgehen. Eingedenk der historischen Verwurzelung der Ökonomie in der Philosophie geht es in diesem Lektüreseminar darum, solche Filiationen nachzuzeichnen sowie die zugrundeliegenden Argumentationsmuster und Haltungen vorzustellen. Dabei wird sich zeigen, dass zwar die groben Grundmuster dieselben geblieben sind, sich die Argumente im Einzelnen jedoch im Laufe der Zeit – und der wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen – durchaus gewandelt haben. Die zugrundegelegte Literatur umfasst Schriften von Platon, Hobbes, Hegel, Rousseau, Locke, Kant, Humboldt, Mill, Lenin, Keynes, Eucken etc.


 

Seminar "Philosophy and Society: Liberalism and conservatism"

 

Wintersemester 2015/16 (UWH)

 

This is a seminar based on extensive readings, ranging from Adam Smith, Benjamin Constant, Wilhelm von Humboldt, John Stuart Mill, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises and James M. Buchanan to Edmund Burke, José Ortega y Gasset, Wilhelm Röpke, Samuel Huntington, Roger Scruton and Russell Kirk. Questions to be raised are: How meaningful is the distinction between "left" and "right" world-views? What would be the criteria for such a distinction? How does that relate to other political categories? Where would one position liberalism and conservatism in the political landscape? With respect to the value of liberty, what are important overlaps with other world-views, and where are the boundaries beyond which political alliances don't make sense? Is there any substantial theory behind conservatism at all? Where is the boundary that separates conservative from reactionary views? What is the relationship between ideological "purity", political realism, and strategic pragmatism? 

 


Seminar zur ökonomischen Ideengeschichte – Ausgewählte Themen aus dem Werk von Adam Smith   

 

Sommersemester 2017 (HU)

Sommersemester 2017 (UE)

Wintersemester 2015/16 (HU)

Wintersemester 2013/14 (HU)

 

Adam Smith (1723-1790)

Der Schotte Adam Smith gilt nicht nur als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre, sondern er wird häufig auch als Vorreiter des Neoliberalismus in Anspruch genommen. Doch Smith hat weder das ökonomische Denken noch den Liberalismus erfunden; er knüpfte an bestehende Traditionen an. Um seine Theorien zu verstehen, einzuordnen und sinnvoll zu bewerten, ist es wichtig, auch das Denken der Vorläufer und der Zeitgenossen zu kennen. Smiths Werk ist auch weitaus reicher, vielschichtiger, diffiziler und komplexer, als so manches moderne Klischee es glauben macht. Dieses Seminar bietet die Möglichkeit zu einer tiefschürfenden Auseinandersetzung mit den Hauptwerken von Smith, der „Theory of Moral Sentiments“ und dem „Wealth of Nations“. Das Seminar profitiert von den unterschiedlichen, einander ergänzenden Zugängen von Studenten der Ökonomik und der Philosophie.  

 

Folgende Themen werden behandelt:

 

  • Das Menschenbild von Adam Smith
  • Der „Impartial Spectator“
  • Preis und Wert
  • Arbeitsteilung und Wachstum
  • Freihandel vs. Protektionismus
  • Monopol und Wettbewerb
  • Das Verhältnis zwischen Arm und Reich
  • Staatsaufgaben
  • Öffentliche Finanzen und Steuern
  • Geld und Banken
  • Die Metapher der „Invisible Hand“
  • Die Debatte um das angebliche „Adam-Smith-Problem“

 

 

Seminar zur ökonomischen Ideengeschichte Ausgewählte Themen aus dem Werk von Friedrich A. von Hayek   

 

Sommersemester 2014 (HU)

Wintersemester 2014/15 (UWH) 

 

Friedrich August von Hayek (1899-1992)

Friedrich August von Hayek (1899-1992) erhielt im Jahr 1974 für seine Arbeiten zur Konjunkturtheorie und zur Sozialphilosophie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Ziel dieser ideengeschichtlichen Veranstaltung (Blockseminar) ist es, sich jenseits der populären Einordnung Hayeks als „neoliberalem“ Antipoden zu John Maynard Keynes vertieft mit Hayeks Werk im Originaltext auseinanderzusetzen und seine bis heute besonders relevanten Anregungen an der Schnittstelle von Ökonomie, politischer Philosophie und Psychologie aufzunehmen. Nach einer biographischen Einführung und einer ideengeschichtlichen Einordnung wird in der Präsentation und Diskussion der Seminararbeiten eine Vielzahl von wichtigen Themen im Werk von Hayek beleuchtet, darunter seine wissenschaftstheoretischen Überlegungen zum Wesen der Ökonomie; seine Konjunktur- und Kapitaltheorie sowie seine Beiträge zur sogenannten Kalkulationsdebatte; seine Theorie der Wissensteilung, des Wettbewerbs und der kulturellen Evolution; sein Staatsverständnis und seine Definition von Freiheit; seine Kritik am Konzept der „sozialen Gerechtigkeit“ und am Mehrheitsprinzip der Demokratie; aber auch seine konkreten politischen Vorschläge wie den Währungswettbewerb.



Seminar Wirtschaftsjournalismus


Wintersemester 2017/18 (UE)

 

Die Medienbranche erlebt schwierige Zeiten; das Internet hat die Karten grundlegend neu gemischt und macht neue Geschäftsmodelle erforderlich. Obwohl es nicht leicht ist, heute noch mit Qualitätsjournalismus Geld zu verdienen, hat die Branche ihre Anziehungskraft gerade auch als künftiges Berufsfeld für Studienabgänger nicht eingebüßt. Aber was ist überhaupt die Rolle der Medien, und wie lässt sie sich wissenschaftlich begründen? Wieso eigentlich Pressefreiheit? Um welche Art von Markt handelt es sich? Und wie sieht guter Journalismus in der Praxis aus? Was sind die Besonderheiten des Wirtschaftsjournalismus? Welche Fähigkeiten sind hier gefragt? Welches Ethos ist erforderlich? Wie läuft konkret Recherche? Womit kann man das Interesse und die Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer erringen, wie formuliert man packend, aber seriös? Was macht guten Stil aus, was sind die "Todsünden"? Wie lassen sich anspruchsvolle Inhalte hinreichend kurzweilig vermitteln? In diesem Seminar verbinden sich theoretische Betrachtungen und Diskussionen mit praktischen Übungen.

 

Ökonomische Hausapotheke

 

Die aktuelle Ausgabe der ideengeschichtlichen Kolumne  

von Karen Horn  

in der NZZ

 

Der richtige Wechselkurs

 

„Währungsmanipulation“ – schon der Begriff ist anklagend. In ihm schwingt mit, dass ein Land  den Wechselkurs seiner Währung von seinem „richtigen“ Niveau entfernt, zum eigenen Vorteil und zum Nachteil der Nachbarn. Seit Donald Trump im Weissen Haus sitzt, der Amerika mit aller Gewalt „great again“ machen will, stiftet der halbjährliche Bericht des US-Treasury in den Ländern, die auf der Beobachtungsliste stehen, noch mehr Nervosität als auch schon – gerade in der Schweiz. Denn ihr können die Amerikaner nicht nur ihren Leistungsbilanzüberschuss vorhalten, sondern vor allem die hohen Devisenreserven der SNB, ein untrügliches Zeichen für Eingriffe oder eben „Manipulation“. Dass die SNB die Währung beeinflusst, ist hinlänglich bekannt, und sie hat gute Gründe: Der mit den Kapitalzuflüssen in den „safe haven“ verbundene Aufwertungsdruck hat mit der Realwirtschaft wenig zu tun und könnte sich für die kleine, offene Volkswirtschaft fatal auswirken. Ob die Mahnung des US-Treasury trotzdem einen Punkt hat, lässt sich nur mit der Antwort auf die Frage entscheiden, welcher Wechselkurs denn der richtige wäre. Aber das ist gar nicht so einfach zu sagen.

Den Ausgangspunkt der wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen hierzu bildet die sogenannte Kaufkraftparitäten-Theorie. In der Realität kaum je verifiziert, dient sie trotzdem bis heute als grobe Daumenregel für die lange Frist. Es hat sich eingebürgert, sie dem schwedischen Ökonomen Gustav Cassel (1866-1945) zuzuschreiben, obwohl sich Vorläufer schon bei den Mönchen der Schule von Salamanca finden, so in den „Disputationes de Contractibus“ von Luís de Molina (1535-1601). Hinter dieser Theorie steckt die Vorstellung, dass sich die Devisenmärkte insofern nicht wesentlich von den Güter- und Dienstleistungsmärkten unterscheiden, als sich – zumindest in einem System flexibler Wechselkurse – auch dort die relativen Preise (oder Kurse) im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ergeben und immer wieder neu justieren. Der Wechselkurs ist dann einfach ein spezieller Marktpreis. Wenn es keine Handelshemmnisse gibt und die Anpassung funktioniert, sollte man mit einem Franken nach dem Umtausch im Ausland genauso viel kaufen können wie in der Schweiz.

Gustav Cassel popularisierte diese Idee in den zwanziger Jahren als „law of one price“. Im Fall eines einzelnen Gutes ist die empirisch testbare These für diese „absolute“ Version der Kaufkraftparitäten-Theorie noch simpel: Der für den Auto-Handel „richtige“, neutrale Wechselkurs ist eben der, bei dem man auf beiden Seite der Landesgrenze dasselbe Fahrzeug bekommt. Für die „relative“ Version der Theorie vergleicht man nur Preis- und Wechselkursveränderungen – aber nichts ist einfach daran, ein neutrales Basisjahr auszusuchen. Noch viel schwieriger wird die Sache, wenn man die Gesamtheit einer Volkswirtschaft erfassen will. Hier gilt es einen Warenkorb zu vergleichen, und man kann lange streiten, was hineingehört. Und dafür, dass sich keine Version der Theorie in der Empirie zuverlässig verifizieren lässt, gibt es viele Gründe, angefangen damit, dass nicht alle Güter und Dienstleistungen international vergleichbar sind, geschweige denn überhaupt grenzüberschreitend gehandelt werden, weshalb sie auch nicht der preisangleichenden Arbitrage unterliegen. Der aus realwirtschaftlicher Sicht richtige Wechselkurs ist eine Konstruktion – und eine ziemlich anspruchsvolle noch dazu.

Ökonomische Hausapotheke. In: NZZ vom 25. Oktober 2017.

 

 

Zitat zur Freiheit

 

"Der Liberalismus ist keine Religion, keine Weltanschauung und keine Partei der Sonderinteressen. Er ist keine Religion, weil er weder Glauben noch Hingabe fordert, weil nichts Mystisches um ihn weht und weil er keine Dogmen hat; er ist keine Weltanschauung, weil er nicht den Kosmos erklären will und weil er uns nichts sagt und sagen will über Sinn und Zweck des Menschendaseins."  

 

Ludwig von Mises